Die Legasthenie wird als eine Teilleistungsstörung verstanden, die außerhalb der allgemeinen Leistungsfähigkeit isoliert Auswirkungen auf den Erwerb der Lese- und Rechtschreibfertigkeiten hat. Die Intelligenz der betroffenen Kinder ist in der Regel normal bis überdurchschnittlich, während die Lese-Rechtschreibfertigkeit (weit) unter dem Durchschnitt liegt.
In den ersten Grundschuljahren treten somit schlechte Schulleistungen möglicherweise nur im Deutschunterricht auf, während andere Fächer im Normalbereich liegen. Dieses Bild kann sich natürlich bei nicht therapierter oder spät erkannter LRS ändern, da auch für die anderen Fächer die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben eine immer größere Rolle spielt. Als weitere Folge von LRS treten sich langsam verstärkende emotionale und Verhaltensprobleme auf, da die Kinder in zunehmendem Maße Misserfolge und Frustration erleben.
Die LRS ist nach dem internationalen Klassifikationsschema ICD-10 der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine anerkannte Entwicklungsstörung schulischer Fertigkeiten (F 81.0 bzw. F 81.1), die einer qualifizierten Therapie bedarf, welche sich anderer Konzepte und Methoden als die Schule bedient. Mit herkömmlicher Nachhilfe und vermehrten Rechtschreibübungen ist es nicht getan. Im Gegenteil, dadurch entsteht oft mehr Schaden als Nutzen; denn auf diese Weise werden den betroffenen Kindern vielfach Lese- und Rechtschreibstrategien vermittelt, die ihren Lernprozess eher behindern statt fördern. Wenn keine spezifische, der Störung angemessene Behandlung erfolgt, erleben die Kinder trotz großer Anstrengungsbereitschaft nur kurzfristige Erfolge und verlieren mit der Zeit Selbstvertrauen und Lernmotivation. Heute weiß man, dass dieses Problem in bestimmten Familien gehäuft auftritt, so dass von einer genetischen Disposition ausgegangen werden kann. Die Auftretenshäufigkeiten in der BRD, Großbritannien und Amerika werden wissenschaftlichen Untersuchungen zufolge auf ca. 5-10 % der Gesamtpopulation eingeschätzt und erklären zum Teil den nicht seltenen Analphabetismus im Erwachsenenalter.
Langfristige Folgen nicht behandelter Legasthenie: Nicht ausreichend entwickelte Lese- und Rechtschreibfertigkeiten führen zu einem schlechteren Schulabschluss verglichen mit Personen gleicher Begabungsstruktur, insofern auch zu einem geringeren Ausbildungsniveau und - erhobenen Daten zufolge - zu sechsmal höherer Arbeitslosigkeit. Daneben finden sich auf psychischer Ebene ausgeprägte emotionale Störungen (Depressivität, Aggressivität, Arbeitsverweigerung ...) und weit reichende soziale Auffälligkeiten (Straffälligkeit, Drogenmissbrauch, Esser u.a. 2002).
Diese Erkenntnisse legen dringend einen rechtzeitigen Handlungsbedarf nahe, welchem auch durch Finanzierung einer Therapie durch das Kinder- und Jugendhilfegesetz § 35a über das Jugendamt unter der Prämisse Eingliederungshilfe bei drohender oder bereits bestehender seelischer Behinderung Rechnung getragen werden sollte. Leider nimmt im Rahmen der Eingliederungshilfe die Bereitschaft der wirtschaftlichen Jugendhilfe in Bezug auf Kostenübernahme ambulanter Behandlung von betroffenen Kindern bundesweit ab. Die Erlasse der Kultusministerien - bezugnehmend auf den Beschluss der Kultusministerkonferenz aus 2003 - sehen wieder verstärkt vor, auch das Problem der Lese-Rechtschreibstörung im Rahmen des schulischen Unterrichts oder Förderunterrichts zu bewältigen, obwohl die notwendigen Bedingungen und Qualifikationen kaum gegeben sind.
Treten bei einem Kind Lese-Rechtschreibprobleme in der Schule auf, ist als erstes eine qualifizierte und gründliche Diagnostik notwendig. Die Ursachen für Lese-Rechtschreibprobleme (unabhängig von Schweregrad und Art) können vielfältig sein. Neben dem genauen Erfassen des Entwicklungsstandes der Lese-Rechtschreibkompetenz müssen ebenso die allgemeine Intelligenz bzw. kognitive Leistungsfähigkeit untersucht werden. Qualifiziert hierzu sind nach entsprechender Weiterbildung Fachärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Dipl.-Psychologen, Dipl.-Pädagogen und Sonderpädagogen. Bei diesen sollten eine Untersuchung der allgemeinen Lern- und Leistungsmöglichkeiten (Intelligenztest) stattfinden und standardisierte Lese- und Rechtschreibtests sowie Testverfahren zum Erfassen auditiver, visueller und motorischer Schwächen erfolgen. Ohne eine genaue Diagnostik einschließlich der Einbeziehung des Umfelds des Kindes ist keine aussagekräftige Einschätzung des Problems möglich. Andere Ursachen für Lese-Rechtschreibprobleme, die nicht auf einer Teilleistungsstörung beim Erwerb der Schriftsprache basieren, müssen ausgeschlossen werden, da sie evtl. einer anderen Form der Behandlung bedürfen. In diesem Zusammenhang ist bei entsprechenden Hinweisen auch eine differenzierte Untersuchung bei HNO- und Augenärzten zu empfehlen.
Wird eine Legasthenie eindeutig festgestellt, ist eine qualifizierte Behandlung dringend anzuraten, um eine weitere Verfestigung der Problematik mit entsprechenden emotionalen Schäden zu vermeiden. Ergibt die Diagnostik jedoch, dass trotz vorhandener Lese-Rechtschreibprobleme keine Legasthenie vorliegt, kann eine Psychotherapie vorrangig sein, aber auch gegebenenfalls ein Gruppenförderunterricht durch qualifizierte Förderlehrer ausreichend sein.
Ratschläge hierzu geben Ihnen die genannten Fachleute. Eltern sollten den Weg zu Spezialisten nicht scheuen, da ihre Kinder nur so wirklich sinnvolle Hilfe bekommen können.